Weissabgleich: Automatisch, oder doch lieber von Hand?
Beschreibung/Thema der Veranstaltung
Die Standarteinstellung für den Weissabgleich an digitalen Spiegelreflex-Kameras wird sicherlich bei den meisten die AWB (automatic white balance) sein. Wer sich bisher noch keine Gedanken über das Thema 'Weissabgleich' gemacht hat, wird damit sicherlich die besten Ergebnisse erzielen. Wir jedoch wollen (wie immer) mehr! Doch zuvor ein paar Vorgedanken:
Was ist eigentlich 'Weiss'?
Das hängt zunächst einmal davon ab, wie die bunten Farben gebildet werden. Bei einem Drucker ist das einfach. Hier stehen mir die Farben cyan, yellow und magenta zur Verfügung. Alle Farben mischen sich anteilig aus diesen Grundfarben (CYMK). Schwarz bildet sich aus allen drei Farben mit 100% Sättigung, Weiss aus allen Farben und 0% Sättigung. Genau anders herum verhält es sich mit dem Farbraum RGB. Hier stehen mir die Farben red, green und blue zur Verfügung. Dieser Farbraum wird jedoch nur für Geräte benutzt, die selbst leuchten, bzw. lichtempfänglich sind (Monitore, Scanner, Beamer und Kameras). Schwarz wird hier also aus dem Nichtvorhandensein von Licht (RGB=0%) gebildet, während Weiss demzufolge aus allen drei Farben zu je 100% gebildet wird. Ist in einem Bild also eine Stelle Weiss, kann ich im Bildbearbeitungsprogramm mittels Pipette diese Stelle auswählen und dort meinen Weissabgleich durchführen.
Nun passierte es in der Praxis relativ selten, das ich eine reinweisse Stelle im Bild finde. Was also mache ich bei den anderen Motiven? Ganz einfach: Jede 'neutrale' farbige Fläche ist geeignet, den Weissabgleich durchzuführen! Die 100% beim Reinweiss beziehen sich nur auf die wirklich weissen Flächen. Selbst eine schwarze Fläche ist, so paradox es auch klingt, für den Weissabgleich geeignet! Wie geht das? Mit der Pipette des Bildbearbeitungsprogramms muss ich immer eine neutrale, das heisst eine farbstichfreie Fläche suchen. Dies kann eine weisse, aber auch eine graue oder gar schwarze Fläche sein, solange innerhalb der Fläche keine Farbe überwiegt. Eine graue (R=20, G=20, B=20) ist also genauso geeignet, wie eine schwarze (R=0, G=0 und B=0)
Diese Art des Weissabgleichs geht davon aus, das das Bild bereits ohne Farbstich aufgenommen wurde.
Bei einer solchen Aufnahme (wie der nebenstehend abgebildeten), die mittels AWB-Einstellung aufgenommen wurde, kann ich mir den Weissabgleich demnach sparen. Das Bild ist ja schon farbstichfrei, weil der automatische Weissabgleich die Schneefläche als Weiss erkannt hat. Ich muss keine neutrale Farbfläche finden.
Den Weissabgleich benötige ich also nur bei Bildern, die einen Farbstich aufweisen.
Was ist ein Farbstich? Die Kamera hat den Farbton (die Farbtemperatur) der Aufnahme ermittelt, eingestellt, und hat sich 'verhauen'. Statt weissen Schnee habe ich gelblichen oder bläulichen. In diesem Fall wäre das ganze Bild, das heisst jede Farbe (genauer: das Mischungsverhältnis jeder Farbe) um ganau den gleichen Wert verschoben. Aus einem Weiss (RGB=100) wurde ein gelbliches Weiss (RG=100, B=95). Alle anderen Farben haben ebenfalls in der Mischung im 'B' (Blaukanal) fünf zu wenig, sind also gelbstichig. Wie bekomme ich das im Nachhinein korregiert? Ich nehme meine Pipette, gehe auf die weisse Fläche (Anzeige R=100, G=100, B=95) und klicke darauf. Das Programm verändert jetzt alle Farben im Bild, in dem es aus den Farbwerten unter der Pipette einen Mittelwert bildet, der vielleicht bei R=98,5, G=98,5 und B=98,5 liegt. Ich habe jetzt zwar den Farbstich neutralisiert, in dem ich alle Werte einander angepasst habe, und somit das Missverhältnis Richtung Blau behoben habe, aber ich habe keine RGB=100, also keine reinweisse Fläche.
Wie bekomme ich die? Ich muss, statt wahllos eine nach meinem Empfinden beinahe neutrale Fläche in die Farbbalance zu führen, eine bereits neutrale Fläche anwählen. Für die Fälle, wo kein weisser Schnee vorhanden ist, muss ich also selbst für diese weisse (oder neutrale) Fläche sorgen. Dies geschieht einfach, in dem ich die neutrale Fläche in Form einer Karte mitführe und in das Bild einbelichte. Wenn ich also eine 100% farbstichfreie Aufnahme haben möchte (und wer möchte das nicht), belichte ich also immer zwei Aufnahmen: Die erste wie bisher, unter Berücksichtigung der richtigen Belichtung, Beleuchtung, Gestaltung und allem, was eine gute Aufnahme benötigt, und danach eine mit eingeblendeter Weissabgleichkarte. Die zweit Aufnahme sieht dann vielleicht so aus:
Im Bild kann ich jetzt mit der Pipette die graue Fläche der Karte auswählen und finde hier in jedem Fall. unabhängig von der Beleuchtungssitunation, eine neutrale Fläche vor. Ein Klick in diese Fläche verschiebt alle Farben im Bild um das evl. vorhanden Ungleichgewicht.
Noch eine kurze Schlussbemerkung: In dem gesammte Artikel habe ich es vermieden, von einer Graukarte zu sprechen. Warum? Eine Graukarte ist für die Ermittlung der richtigen Belichtungszeit maches Mal unerlässlich (18% grau), für das Ermitteln des richtigen Weisspunktes aber ungeeignet. Weshalb ist das so? In der Optik gibt es den Begriff der Metamerie. Er beschreibt den Umstand, das verschiedenfarbige Körper das Licht verschiedener Wellenlänge (Farbe) unterschiedlich reflektieren. Einfach ausgedrückt muss eine graue Fläche (RGB=20), von bläulichem Licht wie z.B. einer Halogenlampe beleuchtet, nicht unbedingt das Licht ebenso reflektieren, wie bei rötlichem (Kerze). Verschiebt sich das Verhältnis RGB bei verschieden farbigem Licht, spricht man von Metamerie. Leider passiert das bei weissen Flächen genauso, abhängig vom Material der Fläche. Nehmen Sie z.B. ein Blatt Papier, das optische Aufheller enthält: Bei einem hohen UV-Anteil im Licht wird das Papier über proportional bläulicher als bei Halogen- oder Leuchtstofflampenlicht. Ich benötige für einen manuellen Weissabgleich also eine Fläche, die das Licht über das gesammte Spektrum des Lichts gleichmässig stark reflektiert. Die amerikanische Firma rawworkflow.com vertreibt Karten, an die dieser Anspruch gestellt werden kann. Bei allen meinen Workshops verwende ich diese Karte, um den Kursteilnehmern den richtigen und sicheren Umgang mit dem komplexen Thema 'Weissabgleich' zu vermitteln.

