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Brauche ich unbedingt ein Stativ in der Naturfotografie?

Überall liest man Sätze wie 'ohne Stativ knipst man, mit Stativ fotografiert man'. Wer so etwas schreibt oder sagt, spricht von einem unhandlich Ding mit 6 bis 8 kg Gewicht im Wert von mehreren hundert Euro. Von Aluminiumrohr, an dem im Winter die Finger anfrieren, von roten Striemen in den Händen vom Lösen der Beinverschraubung und von schmerzenden Schultern. Soweit die Nachteile. Kommen wir jetzt zu den Vorteilen:

Landschaftsfotografie geht nicht ohne Stativ! Nur mit einem vernünftigen Dreiwegeneiger kann ich in aller Ruhe den Bildausschnitt festlegen. Und wenn ich damit fertig bin, kann ich nochmals in aller Ruhe alle drei Ebenen durchfahren, um den Bildausschnitt nochmals zu überprüfen. Stört da am rechten Bildrand ein Haus, das da nicht hingehört? Ist der Horizont gerade? Liegt die Bildaufteilung im Goldenen Schnitt? Wie sieht es mit der Belichtung aus? Muss ich mit der Graukarte einmessen, oder genügen drei bis vier Spotmessungen auf verschiedene Zonen? All das geht nur mit einem Stativ. Und es macht die Landschaftsfotografie herrlich entspannend! Alles läuft ruhig und ohne Hast, weil das Stativ mich zur Langsamkeit erzieht. Erst recht, wenn die Belichtung nicht mehr ausreicht...

Ein Stativ brauche ich, wenn die Belichtung freihändiges Arbeiten nicht mehr zulässt. Eine alte Regel besagt, das ein geübter Fotograf den Kehrwert der Brennweite ruhig hält. Was heißt das? Zunächst ein wenig Theorie: Ein Bild wirkt dann scharf, wenn ein Punkt auf einem Bild als Punkt und nicht als Scheibe abgebildet wird. Der Fachbegriff hierfür lautet 'Schreukreisdurchmesser'. Liegt ein Punkt im Bild nicht in der Schärfenebene, wird er mit ausgefranstem Rand 'verschwommen' dargestellt. Ebenso, wenn die Kamera wärend des Auslösens bewegt wird und der Punkt zur Linie wird. Bis zu einer gewissen Größe toleriert das Auge diese Linie oder den Rand und erkennt es als scharf an. Wenn ich nun ein Weitwinkelobjektiv verwende, ist der Bildwinkel, im Verhältnis zum Streukreisdurchmesser sehr viel größer als bei einem Teleobjektiv. Bewege ich die Kamera mit einem Weitwinkel (Bildwinkel 100°) um 0,1° wärend des Auslösens, bleibt der Streukreis innerhalb der tolerierten Größe. Verwende ich ein Teleobjektiv mit 2° Bildwinkel, ist das Bild plötzlich um 5% verschoben. Als wenn das nicht schon fatal genug wäre, wiegt das Teleobjektiv auch noch ein Mehrfaches des Weitwinkels, sodaß ich auf Grund des höheren Gewichts nicht um 0,1°, sondern um 1° verreiße, was der Hälfte des Bildausschnitts entspricht. Daher muss ich die Verschlußzeit möglichst kurz halten. Bei einer Verschlusszeit von 1/1000 sek. ist die Kamerabewegung vernachlässigbar. Idealerweise sollte die Verschlusszeit möglichst kurz sein. Leider ist dies aber auf Grund der Lichtverhältnisse nicht immer möglich. Also muss ich die Belichtungszeit verlängern. Das geht bei schweren Teleobjektiven aber nur so lange, bis die Kamerabewegung den Streukreis in Erscheinung treten läßt. Das Bild wird deshalb unscharf, weil ich die Kamera nicht mehr ruhig genug halten kann. Als Faustregel gild deshalb: Ein 300mm-Objektiv (ohne Stabilisator) sollte freihändig nicht unter 1/500sek belichten. Läßt die Beleuchtung aber nur eine 1/30sek zu, muss ich entweder ein unscharfes (verwackeltes) Foto hinnnehmen, oder ist schliesse eine Kamerabewegung wärend der Belichtung aus: Ich verwende ein Stativ! Um die letzte Kamerabewegung auszuschliessen, verwende ich zusätzlich die Spiegelvorauslösung. Der Spiegel klappt 2 bis 10 Sekunden vor der eigentlichen Belichtung nach oben, und die Belichtung erfolgt erst, wenn die Kamera nach dem Spiegelschlag wieder zur Ruhe gekommen ist.

Das nächste sichere Einsatzgebiet für ein Stativ ist das Ansitzen. Ich habe in einem Baum in 2m Höhe ein offensichtlich bewohntes Spechtloch entdeckt. Das Piepsen aus dem Loch läßt auf ein bereits geschlüpftes Gelege schliessen. Zu erwarten ist nun, das binnen einer viertel Stunde ein adulter Specht mit Nahrung an dem Baum neben dem Loch landet um dann hinein zu schlüpfen. Der Specht wird eine Annäherung auf 30 bis 40 Meter tolerieren. Für ein formatfüllendes Foto benötige ich 400mm Brennweite. Ich könnte jetzt die 2 kg schwere Kamera mit dem 4 kg schweren Objektiv vor das Auge nehmen und versuchen, das Spechtloch für die nächsten 10 Minuten anzuvisieren. Glauben sie mir, selbst ein durchtrainierter Bodybuilder hält das keine 5 Minuten ruhig! Also stelle ich mein Stativ auf, montiere die Kamera nebst Objektiv, stöpsle den Fernauslöser an und setze mich nach dem Ausrichten bequem in einen Campingstuhl. Naturfotografie kann sooo entspannend sein!

Wann brauche ich kein Stativ? Ich pirsche mich aus 100m Entfernung Schritt für Schritt auf eine Gruppe Graugänse an. An der Reaktion der Gänse kann ich die Toleranz der Tiere ablesen, bevor ich in ihre Behaglichkeitszone eindringe. Ich fotografiere mit der Kamera im Anschlag Schritt für Schritt...

Über mir kreist ein Schwarzmilan. Er rüttelt auf der Stelle, um im See unter ihm nach Fischen Ausschau zu halten...

Die Kamera auf dem Stativ ist auf einen Adlerhorst ausgerichtet. Plötzlich höre ich hinter mir, wie zwei junge Höckerschwäne sich mit lautem Platschen von der Wasseroberfläche Richtung Himmel erheben. Ich löse blitzschnell den Schnellspannverschluss, reiße die Kamera herum und fotografiere...

Brauche ich nun in der Naturfotografie ein Stativ? Es kommt darauf an...