Warum sollte ich lieber im RAW-Format fotografieren?

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Bei dem links abgebildeten Foto handelt es sich um einen klassischen 'Unfall', wie ihn jeder sicherlich schon erlebt hat. Ich war dabei, einen Schwarmilan gegen den Abendhimmel zu fotografieren. Da der Himmel wolkenlos war, mußte ich manuell um +2 Blenden überbelichten. Als der Milan weiterzog, entdeckte ich im nahen Uferschilf diese Moorfrösche in 'Hochzeitsfärbung'. Ich war so fasziniert von dem Blau, das ich völlig vergaß, die Belichtungskorrektur zurück zu stellen. Das Ergebnis sehen sie links: Ein um ca. 2 Blenden überbelichtetes Bild. Im darunter abgebildeten Histogramm sieht man deutlich die steile Flanke im Weißbereich ganz rechts. Im JPG.-Format wäre das Bild so, wie sie es links sehen. In den weißen Bereichen ist keine Zeichnung mehr vorhanden. Am Histogramm sieht man, das auch eine Tonwertkorrektur hier nichts mehr retten kann. Mit einer Tonwertkorrektur kann ich nur die Kurve links und rechts beschneiden um den vollen Kontrastumfang zu erhalten (alle Tonwerte vom tiefen Schwarz bis zum hellen Weiß) . Diese Kurve läßt sich im rechten Bereich nicht mehr beschneiden, da sie am Ende 'anschlägt'. Einzig im Schwarzbereich links wäre noch etwas 'Luft'. Hier könnte man noch Tonwerte retten, indem man den schwarzen Schieber bis unter den Kurvenanfang schiebt und so das Bild dunkler werden läßt. Dadurch bekomme ich aber im Lichterbereich keine Zeichnung.

Da ich aber im RAW-Format fotografiere war es möglich, im RAW-Konverter von Photoshop das Bild zu retten. Mit gedrückter 'Alt'-Taste verschiebe ich den 'Belichtung'-Schieber auf '-2 Blenden'. Schon in der Vorschau ist zu erkennen, dass die zuvor völlig überbelichteten, ausgefressenen Lichter plötzlich ihre Zeichnung zurück erhalten. Dies kann man am Histogramm sehr gut erkennen: Die Tonwerte sind gleichmässig über das Hell-Dunkel-Spektrum verteilt. Einzig an der weißen Flanke kann man eine kleine Spitze erkennen. Hier finden sich die Bildteile wieder, die trotz Korrektur verloren sind. Auch der RAW-Konverter ist kein Zaubermittel. Ein überbelichtetes Bild bleibt falsch belichtet. Den vollen Umfang an Zeichnung erhalte ich eben nur, wenn ich richtig belichte. Aber wenn ich die Datei im RAW-Format speichere, also nur die Helligkeitsinformationen der Rot-, Blau- und Grünpixel statt die Summe der Farbinformationen des Chips, dann habe ich mit einem RAW-Konverter die Möglichkeit, im nachhinein die Gewichtung der Helligkeitsverteilung zu verändern. Einfach gesagt ist in einem überbelichteten Teil eines Bildes alles 'Weiß' und 'Hell', jedoch nicht zwangsläufig auch in allen drei Farben. Bei meinem Froschbild ist es z.B. sehr warscheinlich, dass der Rücken des Frosches Zeichnung im Blauspektrum aufweist, jedoch nicht in rot und grün. Der Mittelwert (in jpg) wäre ein sehr helles weiß mit leichtem Blaustich. In RAW hat der Blaukanal jedoch mehrere Tonwertstufen. Diese kann ich mit dem RAW-Konverter herausholen...

Nachdem das Bild von der Belichtung her 'gerettet' wurde, fehlt eigentlich nur noch der normale Workflow mit 'Tonwertkorrektur', 'Gradationskurve', 'Farbton/Sättigung' und eine Ausschnittevergrösserung um ein halbwegs akzeptables Ergebnis zu erhalten. Sicherlich kein Meisterfoto, aber zum Löschen zu schade...

Nicht unerwähnt lassen möchte ich einige Nachteile, die das RAW-Format bietet: Zum einen bin ich davon abhängig, das es zu meinen RAWs auch einen Konverter gibt. Da die großen Kameramarken sich bisher nicht auf einen einheitlichen Code einigen konnten, bin ich auf Drittanbieter angewiesen (Adobe). Ein schwacher Lichtblick ist der Versuch von Adobe, einen einheitlichen Standart in Form des DNG-Formats zu kreieren. Bisher haben sich aber nur wenige Firmen dazu entschliessen können, Adobes Monopol in Sachen Bildbearbeitung weiter zu festigen. Ein weiterer Nachteil ist, daß es z.B. an meiner Kamera nicht möglich ist, in ein RAW-Bild hinein zu zoomen um die Schärfe zu kontrollieren. Skalieren lassen sich nur JPGs. Meine Kamera kann zwar (wie die meisten anderen Kameras auch) gleichzeitig RAW und JPG speichern, aber das kostet bei einer 1GB-Karte den Speicherplatz von fast 30 RAWs. Ferner muß ich zu Hause 80 überflüssige JPGs löschen, die ich unterwegs nur zur eventuellen Zwischenbetrachtung brauchte. Der gravierenste Nachteil ist jedoch, dass ich gezwungen bin, jedes einzelne Bild vor der Betrachtung zu 'entwickeln'. Habe ich mit JPGs quasi fertige 'Dias', wenn ich nach Hause komme, so habe ich mit RAW nur einen 'Negativstreifen', von dem ich erst noch 'Abzüge' 'entwickeln' muß. Die Nacharbeit für jedes einzelne Bild ist in der Summe erheblich! Aus einem Ausflug von drei Stunden werden bei 150 Fotos und einer Ausbeute von 10 brauchbaren Bildern schnell mehrere Nachmittage für die Nachbereitung. Zwar braucht nicht jedes Bild so intensive Nachbereitung wie die Frösche, aber ganz ohne geht es eben bei keinem Bild...

Zum Schluss noch ein kleiner, aber feiner Trick, wie ich aus meiner Kamera ein Nachtsichtgerät 'baue': Mal angenommen, die Szene spielt in der Nacht, die Kamera schlägt bei ISO 3200/36° immer noch 'nur' 1/8sek bei Offenblende vor (wer schon einmal mit ISO 3200 fotografiert hat, weiß, das es stockdunkle Nacht sein muss...). Jetzt stelle ich bewußt auf -2,5 Blenden Unterbelichtung und erhalte 1/45sek, die ich wiederum aus der freien Hand fotografieren kann. Zu Hause schmeiße ich den RAW-Konverter an und korregiere auf +2,5 Blenden. Jetzt entspricht das Bild einer Aufnahme mit ISO 19200 oder 44° DIN. Fritz Pölking nannte das Fotografieren an der Grenze des technisch möglichen...