Manfrotto Lastolite

Wie ein Naturfoto entsteht

Am Anfang steht eine Bildidee. Durch Beobachtung in der Natur entsteht die Idee. Hierin liegt der eigentliche Unterschied zur bloßen Dokumentation (Bestimmungsbuchfotos). Der Fotograf beobachtet ein typisches Verhalten und möchte dieses in ein ästetisch und emotional ansprechendes Foto übertragen. Bei der Portraitfotografie mit Menschen würde der Fotograf jetzt die Pose einüben, die Beleuchtung stellen und den Ausschnitt bestimmen. Das Modell folgt seinen Anweisungen. In der Tierfotografie ist der Fotograf vollständig abhängig vom Verhalten des Tieres. Er kann im beschränkten Umfang die Beleuchtung steuern (Streiflicht, Gegenlicht, Lichtstimmung, ...), und die nächsten Bewegungen voraus ahnen. Hier ist eine genaue Kenntnis des Verhaltens von Vorteil. Ob diese dann wie gewünscht eintreten, liegt im Ermessen des Vogels...

Im vorliegenden Beispiel war die Bildidee folgende: Zwei (Höcker-)Schwäne starten auf einem See und fliegen diagonal auf den Fotografen zu. Das Licht sollte nicht hart von vorn, sondern seitlich einfallen, um zu grosse Kontraste zu vermeiden. Die Vögel sollten 'auf Augenhöhe' fliegen, also nicht von schräg unten fotografiert werden, damit nicht zuviel Himmel im Bild zu sehen ist (idealerweise gar kein Himmel). Ebenso war der Blickwinkel von schräg oben auf die Vögel nicht erwünscht. Die Schwingen sollten eher nach oben gebogen sein als nach unten. Beide Vögel sollten nebeneinander oder gestaffelt hintereinander fliegen. Der Hintergrund sollte nicht durch zuviel Unruhe vom Motiv ablenken...

So ein Bild bekommt man nicht durch genaue Vorausplanung und den richtigen Zeitpunkt zum Auslösen, sondern viel eher durch Zufall. Die Chance, das Bild in einer Serie zu finden ist ungleich höher, als den scheinbar richtigen Moment zum Auslösen abzupassen. Die Warscheinlichkeit, ein solches Motiv umzusetzen sind eher gering. Wenn man sich überlegt, wie oft man bereits startende Schwäne gesehen hat, wie oft sie dann in jede erdenkliche, ausser in die 'richtige' Richtung geflogen sind, kann jeder selbst abschätzen, das ich hier einem Glückstreffer hinterher rannte...

Dank der 'resourcenschonenden' Digitalfotografie artet eine solche Bildidee nicht in eine üble Materialschlacht aus, sondern man hat beliebig viele 'kostenlose' Versuche, bis man das gewünschte Bild auf dem Monitor sieht. Der Rest wird gelöscht, und das Ergebnis nach einem Finetuning zur Präsentation vorbereitet.

Noch ein Wort zur Bildmanipulation: Authentische Naturfotografie möchte typische Verhaltensweisen von Wildtieren in einer Weise zeigen, die den Betrachter anspricht und berührt. Die fotografische Leistung über die richtige Bedienung der Kamera hinaus ist im Besonderen in dem Sehen und Umsetzen der Bildidee, sowie dem anschliessenden 'Entwickeln' des Bildes aus dem Rohmaterial der Daten zu sehen. Hier zeigen sich durchaus Parallelen zur analogen Fotografie auf Film. Dort konnte der Fotograf ebenfalls die Wirkung verschiedener Filmmaterialien und Entwicklungsprozesse in die Umsetzung der Bildidee mit einbeziehen. Die Grenze zur Bildmanipulation ist in der Digitalfotografie sicher leichter zu überwinden. Authentische Fotografie legt jedoch Wert darauf, das das abgebildete Motiv 'in Wirklichkeit' einmal so zu sehen war. Technische Korrekturen wie Staub ausstempeln, Ausschnitt festlegen, Belichtung und Farbsättigung korregieren oder Nachschärfen lassen sich so oder ähnlich schon seit Erfindung der Fotografie umsetzen. Die Grenze zur Manipulation wird überschritten, wenn Bildideen konstruiert umgesetzt werden. Einen Kranich in eine an sonsten leere Streuobstwiese zu kopieren ist sicherlich selbst für einen Anfänger in Sachen Bildbearbeitung ohne weiteres möglich. Sicherlich könnte der Kranich dort auch einmal gestanden haben (aber ich war gerade nicht dort), aber ein authentisches Naturfoto entsteht nur dann, wenn ich die Situation mit eigenen Augen gesehen und so fotografiert habe.

Doch nun zur Bildserie, die vom Beobachtungsturm Stangenhagen in der Nuthe-Nieplitz-Niederung entstand. Die Jungschwäne hatte ich an diesem Tag zum ersten Mal entdeckt, geplant war das Bild eigentlich mit erwachsenen Vögeln. Aber man kann nicht alles haben... ;-)

Die weiterführende Bildidee wäre jetzt ein ähnliches Bild mit Stockenten. Der Farbkontrast zwischen Männchen und Weibchen würde der Bildidee den letzten Kick geben. Bei Stockenten habe ich es nebenbei bemerkt noch nie gesehen, das die Ente dem startenden Erpel nachfliegt, sondern ausschliesslich umgekehrt. Es gibt noch so viel zu fotografieren! Was für ein herrliches Hobby!!